Gratulation zu dieser Leistung - sprachlos sind jetzt die anderen: Wöstefeld mit AWO-Integrationsbegleiter Heckmann (li.) und Betriebsinhaber und Ausbilder Kracke (re.).
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Gratulation zu dieser Leistung - sprachlos sind jetzt die anderen: Wöstefeld mit AWO-Integrationsbegleiter Heckmann (li.) und Betriebsinhaber und Ausbilder Kracke (re.).

Tobias Wöstefeld spricht nur in bestimmten Situationen und mit ausgewählten Menschen. Im Betrieb von Michael Kracke wurde er zum Kfz-Mechatroniker ausgebildet.Ohne Worte

Mutismus (lat. mutus „stumm“) ist eine sehr seltene und vielen Menschen unbekannte Kommunikationsstörung. Bei den Betroffenen liegen keine Defekte der Sprechorgane oder des Gehörs vor, das Schweigen ist psychischer Natur. In Deutschland sind nach Schätzungen 6.000 bis 10.000 Menschen betroffen. Tobias Wöstefeld ist einer von ihnen.

Die Idee, den heute 29-jährigen in ein reguläres Ausbildungsverhältnis zu vermitteln und damit fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen, hatte Integrationsbegleiter und Kfz-Meister Michael Heckmann von der Hildesheimer Sozialeinrichtung AWO Trialog. „Tobias besuchte damals im Zuge einer Rehabilitationsmaßnahme unsere Kfz-Werkstätten. Er war außerordentlich gründlich und geschickt im feinmotorischen Bereich – ich wusste, dass Tobias das Zeug für die reguläre Berufsausbildung hat“, so Heckmann. In der Hoffnung, vorab einen Praktikumsplatz für Wöstefeld organisieren zu können, wendete er sich an Michael Kracke.

„Am Anfang war ich skeptisch und Michael Heckmann musste viel Überzeugungsarbeit leisten“, erinnert sich der Betriebsinhaber. Krackes Zweifel waren anfänglich nicht unbegründet. Der Umgang mit einem Schützling, der kein Wort spricht oder auf Rückfragen reagiert, ist für einen Betrieb ohne dauerhafte sozial- oder heilpädagogische Betreuung eine Herausforderung. Wie kann unter solchen Bedingungen eine Ausbildung gelingen? Was passiert, wenn der Versuch scheitert? Kann ein herber Rückschlag einen Menschen mit Handicap womöglich komplett aus der Bahn werfen? Und welche Auflagen müssen beachtet, welche Zuschüsse können in Anspruch genommen werden? Am Ende war es AWO-Integrationsberater Heckmann, der nicht locker gelassen hat.

Das dreiwöchige Praktikum bei Kracke wurde in ein dreimonatiges umgewandelt. Irgendwann – es war bei einer ziemlich kniffeligen Arbeit an einem Auto – ist der Knoten endlich geplatzt. „Ich fragte ihn, was wohl kaputt sein könnte“, sagt Kracke. Es folgte nur ein Wort: „Innenraumfilter“. Das stimmte! Kracke fragte weiter, woher er dies wisse. Wöstefeld schob nur „Bedienungsanleitung“ hinterher. In diesem Moment sei klar gewesen, dass sie es mit der Ausbildung versuchen werden. „Ich hatte viel Glück im Leben, es war an der Zeit anderen etwas zurückzugeben“, findet Kracke. Die Integration im Betrieb sei absolut vorbildlich verlaufen.

„Die anderen Gesellen nehmen ihn sogar am Wochenende mit in die Diskothek.“ Der Umgang mit den Behörden hingegen lief nicht immer reibungslos. „Im Grunde war das absolute Pionierarbeit, angefangen bei der Beantragung von Zuschüssen bis hin zur Freistellung von der mündlichen Prüfung und der Bewilligung eines zusätzlichen schriftlichen Teils“, berichtet Heckmann. Zurückblickend sagen beide, dass Betriebe, die sich der wichtigen Aufgabe der Inklusion von Menschen mit Handicap in den ersten Arbeitsmarkt stellen, besser unterstützt werden müssen. Neue Regelungen wie das Bundesteilhabegesetz, das die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen und beruflichen Leben verbessern soll, erfordern somit von allen politischen und wirtschaftlichen Akteuren ein Umdenken.

„Ohne die Unterstützung ehrenamtlicher Helfer, hätten wir Tobias sicherlich nicht so gut durch die Prüfung gebracht“, so Kracke. So bekam Wöstefeld vom pensionierten Harsumer Schuldirektor Johannes Flohr Sprachtrainings und vom Berliner Kfz-Meister Thomas Olzen ein finales Coaching vor der Prüfung. Auch Kracke selbst hat viel Zeit und Energie in die Vorbereitung auf die Gesellenprüfung gesteckt und den Prüfling begleitet. Der frisch gebackene Geselle hat inzwischen einen Vertrag und kann bei Kracke bleiben. Beim Thema Digitalisierung könnte der begeisterte Computerfan für den Betrieb schon bald eine wichtige Rolle spielen. „Wenn er weiterhin so große Fortschritte macht, trauen wir ihm sogar den Kfz-Meister zu“, bestätigen sein Chef und Heckmann. Mit Fortschritten meinen beide, dass er kontinuierlich sprechen muss – nicht nur beliebig, wenn er es entscheidet, sondern mit allen Personen und in allen Situationen.